Weltweit ist eine Zunahme territorialer Konflikte zu beobachten, in deren Kontext Grenzen im öffentlichen Diskurs vermehrt als (sicherheits-)politische Linien des Ausschlusses thematisiert werden. In dieser Masterarbeit formuliere ich ein Gegen-Narrativ zu dieser linienhaften Grenzdarstellung und verdeutliche, dass nationale Grenzen nicht ausschliesslich Orte internationaler Auseinandersetzungen, sondern auch Räume des alltäglichen Lebens sind. Dafür untersuche ich aus feministisch-geographischer Perspektive, wie die deutsche Ostgrenze zu Polen und Tschechien im Alltag von transnational agierenden Grenzbewohner:innen wahrgenommen, hergestellt und herausgefordert wird. Im Zentrum der Fallstudie steht die alltägliche Grenzwahrnehmung von Grenzbewohner:innen in der Oberlausitz (Deutschland) – einer Grenzregion, die trotz formaler Binnengrenzen seit 2023 erneut durch temporäre Grenzkontrollen geprägt ist. Anhand einer einmonatigen ethnographischen Feldforschung habe ich mittels narrativer Interviews, teilnehmender Beobachtungen sowie kreativer Methoden Daten über Grenzwahrnehmungen sowie über bottom-up Initiativen zur Grenztransformation gesammelt. Die Auswertung erfolgte durch eine qualitative Inhaltsanalyse. Theoretisch verorte ich die Studie im interdisziplinären Feld der border studies, wobei ich eine feministisch-geographische Perspektive einnehme und die alltäglichen, intimen, gelebten Erfahrungen in Grenzraum mittels der Konzepte embodiment, emotion und affect untersuche. Die Ergebnisse zeigen, dass transnational agierende Grenzbewohner:innen die deutsche Ostgrenze zu Polen und Tschechien trotz aktueller Grenzverstärkender Prozesse im Alltag als räumlich offen bis inexistent wahrnehmen. Gleichzeitig erfahren sie die Grenze verstärkt auf körperlicher und emotionaler Ebene, sowie durch das internalisierte Wissen über vergangene Grenzregime als wirksam und im Alltag in der Grenzregion prägend. Die Grenze erscheint dabei weniger als fixe territoriale Linie, sondern stattdessen als relationaler, prozesshafter Zustand und wird kontinuierlich im Alltag aktualisiert. Vergangene Grenzregime sind in Wahrnehmung, Körper und Landschaft sedimentiert und prägen gegenwärtige Grenzverständnisse auch unter Bedingungen formaler Offenheit fort. Gleichzeitig wird deutlich, dass die transnational agierenden Grenzbewohner:innen die Grenze aktiv mitgestalten: Durch alltägliche Praktiken, grenzkritische Einstellungen und kulturelle Initiativen entwickeln sie bewusst ein Konter-Narrativ, welches den Grenzraum nicht als Rand oder Ausschlusszone, sondern als Möglichkeitsort prägt. Die empirische Studie zeigt, dass Prozesse von Entgrenzung und Begrenzung nicht als Gegensätze, sondern als koexistierende Dynamiken verstanden werden müssen. Schliesslich argumentiere ich, dass Grenzen weder als abgeschlossene, lineare noch als auflösbare Phänomene zu betrachten sind, sondern als dauerhaft transformative Prozesse, die im Alltag stets neu verhandelt, verkörpert und performativ hervorgebracht werden.