Wohnungspolitik

Wohnraum ist eine begrenzte Ressource und zugleich ein humanitäres Grundbedürfnis (UN Menschenrechtskonvention, 1948). Wir erkennen und analysieren die Nutzung, den Zugang, die Ausgestaltung sowie die Verteilung dieser Ressource als sozialen und politischen Aushandlungsprozess zwischen privaten (EigentümerInnen, MieterInnen, Privatwirtschaft, Nachbarschaft) und öffentlichen (Gemeinde, Kanton, Bund) Akteuren.

Die Forschungsgruppe «politische Stadtforschung und nachhaltige Raumentwicklung» des GIUB analysiert im Forschungsbereich «Wohnungspolitik» die Ressourcen Boden und Wohnraum im Spannungsfeld zwischen öffentlich-rechtlichen Regulierungen (Wohnungspolitik, Raumplanung, Energiepolitik, Denkmalschutz, Steuerpolitik) und privatrechtlichen Eigentumsstrukturen. Nebst planungsrechtlichen (Zonennutzungspläne, Richtpläne, Konzepte und Sachpläne) und wohnungspolitischen (u.a. Subjekthilfe, Objekthilfe) Instrumenten, steht dabei insbesondere die Rolle des Eigentums im Zentrum der Analyse. Konkret geht es um die Frage wie öffentliche Regulierungen sowie unterschiedliche Eigentumsformen (öffentlich, genossenschaftlich, institutionell, privat-selbstgenutzt) sich auf soziale Exklusions- und Verdrängungsmechanismen von MieterInnen im Schweizerischen Wohnungsmarkt auswirken. Soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit, (De-)Kommodifizierung von Gebäudebeständen sowie die Frage der Macht bei der Nutzung und Verteilung von Wohnraum bilden den theoretischen Ausgangspunkt.

Aktuelle Aktivitäten

«Governing densification – The impact of performance-based planning on qualitative urban densification (GoverDENSE)»
Dauer Ab Januar 2020

Finanzierung SNF (Schweizerischer Nationalfonds)
Beschreibung Die Verdichtung der Bausubstanz – in der Schweiz «Siedlungsentwicklung nach Innen» genannt – ist ein wichtiger Schritt hin zu einer nachhaltigeren Bodennutzung. Wie alle soziopolitischen Prozesse bringt die Verdichtung jedoch Gewinner, aber auch Verlierer hervor: potentiell mehr Verkehr, mehr Lärm, weniger grüne Räume, weniger Aussicht, mehr NutzerInnen von öffentlichen Dienstleistungen und vor allem höhere Wohnkosten.

 

Verdichtung bedeutet, sich mit der bereits gebauten Umgebung auseinanderzusetzen. Die Planung erfolgt daher in einem engen Netz von bestehenden Rechten und Pflichten. Vor diesem komplexen institutionellen Hintergrund untersucht das Projekt die Steuerung von Verdichtungsprozessen und die Bedingungen, unter denen eine Verdichtung stattfinden kann, die die Erhaltung der städtischen Qualität für alle ermöglicht, einschliesslich schutzbedürftigerer sozioökonomischer Gruppen.

 

Das Projekt vergleicht die beiden funktionalen Regionen Bern in der Schweiz und Utrecht in den Niederlanden. Acht «Verdichtungsgeschichten» werden rekonstruiert (vier pro Land). In jedem nationalen Umfeld wird eine detaillierte Analyse der Institutionen, politischen Instrumente, Leistungsanreize, Strategien der Akteure und Bedingungen der Ressource (Nachhaltigkeit) durchgeführt. Gleichzeitig rekonstruiert eine GIS-basierte Analyse Verdichtungsprozesse über die gesamten funktionalen Regionen einschliesslich sozio-politischer und wirtschaftlicher Indikatoren.

 

Dieses Projekt wird dazu beitragen, die Verdichtung als Governance-Herausforderung zu konzipieren. Eine grosse Herausforderung besteht darin, zu verdichten, ohne die sozialen Ungleichheiten zu vergrössern. Neue Erkenntnisse sollen wirksame Wege zur Erhöhung der Verdichtung liefern, die gleichzeitig eine hohe urbane Qualität für alle gewährleisten.

Involvierte Personen
Endprodukt  

ResiDENSE - Wie Verdichtung sozialverträglich gestalten und langfristig Akzeptanz für deren Umsetzung schaffen? Analyse der Wirkungsmechanismen (Governance) der Ausgestaltung lokaler Verdichtungspolitik auf die soziale Dimension der Nachhaltigkeit im Schweizerischen Mietwohnungsmarkt 

Dauer Januar 2017 – Dezember 2020 

Finanzierung Eigenfinanziert
Beschreibung Seit in Kraft treten des revidierten Raumplanungsgesetzes (RPG) am 01. Mai 2014, stehen Kantone und Gemeinden in der Pflicht ihre Richt- und Zonennutzungspläne zugunsten der “Siedlungsentwicklung nach Innen, unter Berücksichtigung einer angemessenen Wohnqualität“ (Art. 1, Abs. 2abis.6) anzupassen. Das uneingeschränkte Bauen auf der grünen Wiese gehört damit der Vergangenheit an. Doch auch innerstädtische Freiflächen und Industriebrachen sind in der Schweiz – insbesondere in Städten mit mehr als 10'000 EinwohnerInnen - weitgehend überbaut (Nebel et al., 2017:16). Die Schweiz steht deshalb zukünftig vor der Herausforderung das zukünftige Bevölkerungswachstum (+ 23% bis 2045 (BFS, 2015:5)) und die damit verbundene steigende Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt über eine Verdichtung im Bestand aufzufangen (Schweizerischer Bundesrat, 2017).
Bereits überbaute Gebiete weisen aber einerseits sehr kleinteilige, komplexe und private Ei- gentumsstrukturen auf, was die Umsetzung von Verdichtungsprojekten anspruchsvoll und kompliziert gestaltet (Gerber et al., 2017). Andererseits sind viele Schweizer Städte und Agglomerationsgemeinden mit steigenden sozialen Gentrifizierungs- und Exklusionsprozessen auf dem Wohnungsmarkt konfrontiert. Immer mehr Menschen können sich den Zugang zur Ressource Wohnen aufgrund steigender Wohnungspreise nach Umbau, energetischer Sanierung oder Ersatzneubau nicht mehr leisten und werden an Randgebiete verdrängt (BSV & BWO, 2015; BWO, 2019). Davon betroffen sind nicht nur einkommensschwache Bevölkerungsgruppen, sondern auch der Mittelstand (OECD, 2015). Folglich haben seit Annahme der RPG-Revision auch private Einsprachen gegen Verdichtungsinitiativen zugenommen. Dies nicht nur weil sich die betroffenen BewohnerInnen in Folge Verdrängung ungerecht behandelt fühlten. Sondern auch, weil die ansässige Nachbarschaft sich nicht mit bevorstehenden Verdichtungsmassnahmen identifizieren konnte. Lokale ortsbauliche und kulturelle Identitäten, soziale Kohäsion und Gerechtigkeit, sowie vorhandene Wohnqualitäten werden durch Verdichtungs- und Erneuerungsprojekte zunehmend in Frage gestellt (Schweizerischer Bundesrat, 2017).
Zusammenfassen besteht somit ein Zielkonflikt zwischen der Umsetzung der öffentlichen Politik der Verdichtung (Umsetzung RPG), der Verfügungs- und Nutzungsrechte privater EigentümerInnen über ihre Liegenschaften, sowie den sozialen Erwartungen der betroffenen Bevölkerung an ihre Wohnumgebung. Ziel des ResiDENSE-Projektes ist es, die Umsetzung der Verdichtung nicht als technischen, sondern als sozio-politischen Aushandlungsprozess zwischen öffentlichen und privaten Interessen zu verstehen und zu analysieren.


Zielsetzung & Forschungsfragen

ResiDENSE widmet sich der Zielsetzung wie das öffentliche Interesse der «Verdichtung» mit den bestehenden, privatrechtlichen Eigentumsstrukturen in Schweizer Wohnquartieren in Einklang gebracht werden kann, ohne dass soziale Aspekte des Zusammenlebens (soziale Durchmischung, MieterInnen-Stabilität, soziale Kohäsion im Quartier, Zugang zu Wohnraum, Wohn- und Nachbarschaftsqualität, rechtliche Sicherheit) dabei verloren gehen. Die zentrale Forschungsfrage lautet:


  • Wie wirkt sich (Governance) die Ausgestaltung lokaler Verdichtungspolitik auf die soziale Dimension der Nachhaltigkeit im Schweizer Mietwohnungsmarkt aus?

Unter «Governance der Verdichtung» wird in dieser Forschung zusammenfassend “the interactions among structures, processes and traditions that determine how power and responsibilities are exercised, how decisions are taken, and how citizens or other stakeholders have their say” (Graham et al., 2003) verstanden. “Verdichtung“ ist dabei als Prozess zu verstehen, welcher zur Erhöhung der Nutzungsdichte (Anzahl Personen pro m2) innerhalb bestehender Gemeindegrenzen führt (Saglie, 1998). Nebst Neubauten auf unbebauten Flächen, kann dies innerhalb des Siedlungsgebietes auch über Sanierungen, Umbauten, Aufstockungen oder Ersatzneubauten geschehen.

Involvierte 
Personen
Endprodukt
Dissertation Gabriela Debrunner
 Wohnungspolitische Regime und ihr Beitrag für eine bezahlbare Wohnraumversorgung der Bevölkerung 
Dauer Januar 2014 – Dezember 2017

Finanzierung Eigenfinanziert
Beschreibung Angespannte Wohnungsmärkte und steigende Mietpreise haben in vielen schweizerischen Städten zum Aufkeimen von (neuen) wohnungspolitischen Forderungen geführt. Strategien für eine bezahlbare Wohnraumversorgung rücken damit wieder ins politische Rampenlicht. So wird und wurde in vielen Kommunen über lokale Volksinitiativen zum Auf- und Ausbau von wohnungspolitischen Massnahmen diskutiert und befunden. Auch auf kantonaler und nationaler Ebene gewinnen Debatten über die Anpassung entsprechender gesetzlicher Regulierungen jüngst an Fahrt.

Kommunen können durch ihr Agieren den Wohnungsmarkt beeinflussen. Sie sind aber in ihrem Handeln an entsprechende kantonale und nationale Rahmenbedingungen gebunden sowie auf Kooperationen mit Wohnungsmarktakteuren angewiesen. Mit diesem Forschungsprojekt wird dieser lokalen Ausgestaltung und Handhabung von Wohnungspolitik nachgegangen sowie ihren Beitrag für eine bezahlbare Wohnraumversorgung der Bevölkerung untersucht.

Involvierte Personen
Endprodukt