Sozio-politische Stadtforschung

Für unsere Forschungsgruppe liegt die soziopolitische Stadtforschung an der Schnittstelle von Raumplanung, Wohnungspolitik und Sozialpolitik. Raumplanung ist eine öffentliche Politik, welche die Zuweisung von Boden für verschiedene Nutzungen auf der Grundlage ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Standards reguliert. Basierend auf nationalen und lokalen Dynamiken werden diese Standards jedoch häufig neu ausgehandelt, angepasst und justiert. Mit Hilfe der Ansätze des Neoinstitutionalismus untersuchen wir die Nachhaltigkeit der Care- und Wohnungsversorgung in Städten als wesentliche Ressourcen für die soziale Reproduktion innerhalb von Generationen und von einer Generation zur nächsten.

Unsere Kompetenzen umfassen Politikanalysen, Akteursanalysen und komparative qualitative Fallstudien, um einerseits politikrelevante akademische Forschung zu betreiben und andererseits die Lücken in den wissenschaftlichen Debatten dieses hochaktuellen Bereichs der sozialen und politischen Stadtforschung zu schließen. Unser Fachgebiet deckt ein breites Spektrum an nationalen Kontexten ab, unter anderem die Schweiz, die Niederlande, die Türkei und Ghana.

Care ist eine wesentliche Ressource, um das Leben mit einem akzeptablen Mass an Fähigkeiten, Sicherheit und Komfort in geistiger und körperlicher Hinsicht zu führen. Die Abhängigkeit von der Care ändert sich im Laufe des Lebens und umfasst wichtige soziale Funktionen wie die Erziehung von Kindern und die Unterstützung älterer Menschen sowie von Menschen mit Beeinträchtigungen.

Die feministische Wissenschaft hat eine "Care-Krise" als den Wandel der Gesellschaft definiert, die immer weniger in der Lage und immer weniger bereit ist, Care-Arbeit zu leisten. Deshalb gibt es eine wachsende "Care-gap", die zwischen dem Bedarf und den für Care bereitgestellten Ressourcen besteht.

Das übergreifende Ziel dieser Forschungsagenda ist, die Rolle der lokalen Gouvernanz und der räumlichen Organisation der Care-Bereitstellung bei der Abschwächung oder Verschärfung der Care-gap zu untersuchen. Wir untersuchen die Reorganisation von "Care-Räumen" zusammen mit breiteren gesellschaftlichen Trends wie Alterung, degradierte Care-arbeit und geschlechtsspezifische Arbeitsteilung im Bereich Care sowie die wirtschaftlichen Trends wie steigende Kosten für Care, angespannte Rentensysteme und die Finanzialisierung des Wohnens und von Care.

Wohnen ist ein menschliches Grundbedürfnis und das Zuhause ein grundlegendes Gut. Die Bedingungen für dessen Zugang, Angebot, Verwaltung, Verteilung und Eigentumsstruktur müssen durchdacht werden, um Konflikte und Rivalitäten zwischen konkurrierenden Nutzungen zu vermeiden (z.B. erschwingliche Wohnungen vs. Lofts für Paare mit doppeltem Einkommen und ohne Kinder vs. Büroräume). Diese Bedingungen beeinflussen die Nachhaltigkeit des Wohnens und des Zuhauses.

In unserer Forschungsgruppe analysieren wir die Nachhaltigkeit von Wohnraum aus einer der Perspektive des Neoinstitutionalismus. Die Analyse des institutionellen Ressourcenregimes (IRR) bezieht sich auf alle formalen Regeln, die in einem bestimmten Gebiet gelten und die entweder auf öffentlichen Regelungen, einschliesslich Nutzungs- und Schutzregelungen, oder auf Eigentumsrechten, einschließlich Eigentumstiteln, Verträgen, Konventionen usw., beruhen. Diese formalen Regeln bestimmen die Nutzungs- und Übertragungsrechte an einer bestimmten Ressource, wie z.B. Wohnraum.

Wir untersuchen diese verschiedenen Mechanismen zwischen öffentlicher Politik und Eigentumsrechten, um die Nachhaltigkeit der Ressource Wohnraum zu analysieren. Unsere Forschung zur Wohnungspolitik konzentriert sich auf Fragen der sozialen Gerechtigkeit, der (De-) Kommodifizierung von Wohnungsbeständen und der Machtverhältnisse zwischen öffentlichen und privaten Akteuren bei der Nutzung und Verteilung von Wohnraum.

Ay, D. “How to plan for care-full densification? Social sustainability of densification where social policy meets land-use planning”, PLPR (International Association on Planning, Law and Property Rights) Annual Conference, Ghent, Belgium, July 2022

Ay, D. and Turker, K.A. (2022). Post-conflict Urban Renewal as an Ethnocratic Regime Practice: Racialized Governance of Redevelopment in Diyarbakir, Turkey. Frontiers in Sustainable Cities, 90.

Ay, D. (2021). Empowering Cities to Make Immigrant Integration Happen. in Migration, Equality, and Racisms edited by Ilke Adam, Nick Schuermans, Florian Trauner, VUB Press.

Ay, D. and Demires Ozkul, B. (2021). The Strange Case of Earthquake Risk Mitigation in Istanbul, City (1-2), 67-87.

Debrunner, G. (2020): «Wir müssen Verdichtung gezielter steuern», In: Mieten + Wohnen, Nr. 4 September 2020, 10-12.

Debrunner, G., T. Hartmann (2020): Strategic use of land policy instruments for affordable housing. Coping with social challenges under scarce land conditions in Swiss cities, 99. https://doi.org/10.1016/j.landusepol.2020.104993 

Debrunner, G., A. Hengstermann, J-D. Gerber (2020): Die Wohnungsfrage ist eine Bodenfrage: Bodenpolitische Instrumente zur Sicherstellung des preisgünstigen Wohnraums im Bestand in Schweizer Städten, In: Schönig, B.; Vollmer, L. (Hrsg.), Wohnungsfragen ohne Ende?!, Sammelband Universität Weimar: transcript Verlag 58-76.

Debrunner, G., A. Hengstermann, J-D. Gerber (2020): The Business of Densification. Distribution of Power, Wealth and Inequality in Swiss Policy Making, Town Planning Review, 91(3), 259-281.

 

Habilitationsprojekt, Dr. Deniz Ay: Spatial understanding of the care gap through densification, housing, and land-use planning

Dauer Ab Januar 2022
Finanzierung Finanziert durch Forschungsgruppe
Beschreibung

Dieses Projekt betrachtet Verdichtung als einen bedeutenden Eingriff in die Infrastruktur, der den öffentlichen und privaten Raum und somit die Care-Räume neu organisiert. Unter Verwendung der "Care-gap" als Indikator für soziale Nachhaltigkeit entwickeln wir die folgende grundlegende Hypothese: Wenn Verdichtung dazu beiträgt, die Care-gap zu verringern, führt sie zu sozial nachhaltigen Wohnformen in städtischen Siedlungen. Uns interessiert, wie sich die Verdichtung von Bewohnenden und Nutzungen auf Angebot und Nachfrage von Pflegeleistungen auswirkt: Welche Institutionen, Akteure sowie formellen und informellen Regelungen bestimmen den Zusammenhang zwischen Verdichtung und der Care-gap?

Involvierte Personen Deniz Ay

Jean-David Gerber

 

ResiDENSE - Wie Verdichtung sozialverträglich gestalten und langfristig Akzeptanz für deren Umsetzung schaffen?

Dauer Januar 2017 - Dezember 2020
Finanzierung Finanziert durch Forschungsgruppe
Beschreibung Seit in Kraft treten des revidierten Raumplanungsgesetzes (RPG) am 01. Mai 2014, stehen Kantone und Gemeinden in der Pflicht ihre Richt- und Zonennutzungspläne zugunsten der “Siedlungsentwicklung nach Innen, unter Berücksichtigung einer angemessenen Wohnqualität“ (Art. 1, Abs. 2abis.6) anzupassen. Das uneingeschränkte Bauen auf der grünen Wiese gehört damit der Vergangenheit an. Doch auch innerstädtische Freiflächen und Industriebrachen sind in der Schweiz – insbesondere in Städten mit mehr als 10'000 EinwohnerInnen - weitgehend überbaut (Nebel et al., 2017:16). Die Schweiz steht deshalb zukünftig vor der Herausforderung das zukünftige Bevölkerungswachstum (+ 23% bis 2045 (BFS, 2015:5)) und die damit verbundene steigende Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt über eine Verdichtung im Bestand aufzufangen (Schweizerischer Bundesrat, 2017).
Bereits überbaute Gebiete weisen aber einerseits sehr kleinteilige, komplexe und private Eigentumsstrukturen auf, was die Umsetzung von Verdichtungsprojekten anspruchsvoll und kompliziert gestaltet (Gerber et al., 2017). Andererseits sind viele Schweizer Städte und Agglomerationsgemeinden mit steigenden sozialen Gentrifizierungs- und Exklusionsprozessen auf dem Wohnungsmarkt konfrontiert. Immer mehr Menschen können sich den Zugang zur Ressource Wohnen aufgrund steigender Wohnungspreise nach Umbau, energetischer Sanierung oder Ersatzneubau nicht mehr leisten und werden an Randgebiete verdrängt (BSV & BWO, 2015; BWO, 2019). Davon betroffen sind nicht nur einkommensschwache Bevölkerungsgruppen, sondern auch der Mittelstand (OECD, 2015). Folglich haben seit Annahme der RPG-Revision auch private Einsprachen gegen Verdichtungsinitiativen zugenommen. Dies nicht nur weil sich die betroffenen BewohnerInnen in Folge Verdrängung ungerecht behandelt fühlten. Sondern auch, weil die ansässige Nachbarschaft sich nicht mit bevorstehenden Verdichtungsmassnahmen identifizieren konnte. Lokale ortsbauliche und kulturelle Identitäten, soziale Kohäsion und Gerechtigkeit, sowie vorhandene Wohnqualitäten werden durch Verdichtungs- und Erneuerungsprojekte zunehmend in Frage gestellt (Schweizerischer Bundesrat, 2017).
Zusammenfassen besteht somit ein Zielkonflikt zwischen der Umsetzung der öffentlichen Politik der Verdichtung (Umsetzung RPG), der Verfügungs- und Nutzungsrechte privater EigentümerInnen über ihre Liegenschaften, sowie den sozialen Erwartungen der betroffenen Bevölkerung an ihre Wohnumgebung. Ziel des ResiDENSE-Projektes ist es, die Umsetzung der Verdichtung nicht als technischen, sondern als sozio-politischen Aushandlungsprozess zwischen öffentlichen und privaten Interessen zu verstehen und zu analysieren.

Zielsetzung & Forschungsfragen

ResiDENSE widmet sich der Zielsetzung wie das öffentliche Interesse der «Verdichtung» mit den bestehenden, privatrechtlichen Eigentumsstrukturen in Schweizer Wohnquartieren in Einklang gebracht werden kann, ohne dass soziale Aspekte des Zusammenlebens (soziale Durchmischung, MieterInnen-Stabilität, soziale Kohäsion im Quartier, Zugang zu Wohnraum, Wohn- und Nachbarschaftsqualität, rechtliche Sicherheit) dabei verloren gehen. Die zentrale Forschungsfrage lautet: Wie wirkt sich (Governance) die Ausgestaltung lokaler Verdichtungspolitik auf die soziale Dimension der Nachhaltigkeit im Schweizer Mietwohnungsmarkt aus?

Unter «Governance der Verdichtung» wird in dieser Forschung zusammenfassend “the interactions among structures, processes and traditions that determine how power and responsibilities are exercised, how decisions are taken, and how citizens or other stakeholders have their say” (Graham et al., 2003) verstanden. “Verdichtung“ ist dabei als Prozess zu verstehen, welcher zur Erhöhung der Nutzungsdichte (Anzahl Personen pro m2) innerhalb bestehender Gemeindegrenzen führt (Saglie, 1998). Nebst Neubauten auf unbebauten Flächen, kann dies innerhalb des Siedlungsgebietes auch über Sanierungen, Umbauten, Aufstockungen oder Ersatzneubauten geschehen.

Involvierte Personen Gabriela Debrunner

Jean-David Gerber

 

Wohnungspolitische Regime und ihr Beitrag für eine bezahlbare Wohnraumversorgung der Bevölkerung

Dauer Januar 2014 - Dezember 2017
Finanzierung Finanziert durch Forschungsgruppe
Beschreibung Angespannte Wohnungsmärkte und steigende Mietpreise haben in vielen schweizerischen Städten zum Aufkeimen von (neuen) wohnungspolitischen Forderungen geführt. Strategien für eine bezahlbare Wohnraumversorgung rücken damit wieder ins politische Rampenlicht. So wird und wurde in vielen Gemeinden über lokale Volksinitiativen zum Auf- und Ausbau von wohnungspolitischen Massnahmen diskutiert und befunden. Auch auf kantonaler und nationaler Ebene gewinnen Debatten über die Anpassung entsprechender gesetzlicher Regulierungen jüngst an Fahrt.

Gemeinden können durch ihr Agieren den Wohnungsmarkt beeinflussen. Sie sind aber in ihrem Handeln an entsprechende kantonale und nationale Rahmenbedingungen gebunden sowie auf Kooperationen mit Wohnungsmarktakteuren angewiesen. Mit diesem Forschungsprojekt wird dieser lokalen Ausgestaltung und Handhabung von Wohnungspolitik nachgegangen sowie ihren Beitrag für eine bezahlbare Wohnraumversorgung der Bevölkerung untersucht.

Involvierte Personen Ivo Balmer (ehemaliger PhD Student der Forschungsgruppe)

Jean-David Gerber